Pfarrer Georg und die Drachen

In einer Zeit, lange vor unserer Zeit führte Pfarrer Georg gegen den Aberglauben im Dorf Drachenhausen einen aussichtslosen Kampf, obwohl die Kirche immer rege besucht war und auch fleißig gebetet wurde. Auch über die Beichtbereitschaft konnte er sich nicht beklagen. Immerhin hatte er dadurch ja auch erfahren, dass die verrückte Großmutter aus dem Drachenwächterhaus wieder einmal als Hexe aktiv geworden und ihre Enkelin Trine daraufhin sehr krank geworden war. Nun ja, es war die Adventzeit und in dieser Zeit geschahen ohnehin immer die merkwürdigsten Dinge, es heißt sogar, dass um Weihnachten herum die Drachen des nahegelegenen Berges ganz besonders aktiv gewesen sein sollen.

Die meisten Dorfbewohner waren durchaus gottesfürchtige Menschen, nur die Familie aus dem sogenannten Drachenwächterhaus frönte heidnischen Gebräuchen und sie waren seit Menschengedenken noch nie in der Kirche gewesen! Seit Generationen bereits versuchten die Pfarrer des Dorfes diese Heiden zu bekehren oder wenigstens aus dem Dorf zu jagen. Aber die dicken Bände der Notizen seiner Vorgänger und natürlich auch seiner eigenen zeigten, dass es noch keinem gelungen war. Nicht einmal eine schöne Hexenverbrennung hatte es gegeben, obwohl die Frauen der Drachenwächterfamilie schon immer ganz offen Hexenzauber praktiziert hatten. Und nun wieder die Großmutter.

Für die Dorfbewohner gab es keinen Zweifel, der christliche Glaube und Pfarrer Georg waren genauso nützlich wie die Drachenwächterfamilie mit ihren besonderen Fähigkeiten. Zugegeben, der Unterhaltungswert von Pfarrer Georg war deutlich größer.

So hatte Pfarrer Georg – oder unser Schorschi – wie ihn die Dorfbewohner vertraulich nannten, anlässlich der Krankheit Trines und der Heilungsversuche der Drachenhexe – wie Großmutter genannt wurde – flugs einen Gottesdienst einberufen. Und selbstverständlich waren alle gekommen, es war ja sonst nichts los in dem Kaff.

Selbstverständlich hatte man – allen voran Schorschie – für die arme Trine gebetet. Aber dann hatte Schorschie seine Predigt losgelassen, gegen Aberglauben und Drachenpest und überhaupt, man sehe ja, wohin so etwas führe (gemeint hatte er Trines Krankheit). Die Dorfbewohner nahmen es gelassen, denn auch als Christen waren Menschen schwerkrank geworden und der einfache aber gesunde Menschenverstand stellte sehr zum Leidwesen Schorschies eben keinen Zusammenhang zwischen Aberglaube und Trínes Krankheit her. Aber was solls, nun jedenfalls kam der spannende, bzw. der unterhaltsame Teil, der Teil, weswegen die Dorfbewohner eigentlich in die Kirche gekommen waren. Heute nämlich, sozusagen aus aktuellem Anlass, würde Pfarrer Georg wieder einmal Drachengeschichten erzählen. Und dieses Erzählen war immer ein gegenseitiges Geben und Nehmen, da ging die Gemeinde so richtig mit. Die Bewohner von Drachenhausen waren nämlich eine sehr temperamentvolle Gemeinde, insbesondere, wenn es um Drachen ging – obwohl natürlich niemand mehr an Drachen glaubte.

„Glaubt Ihr an Drachen?”, dröhnte Pfarrer Georg von der Kanzel.

„Nein, Schorschie”, brüllte die Gemeinde im geschlossenen Chor zurück.

„Das solltet Ihr aber, ihr ungläubigen Heiden”, ereiferte sich Pfarrer Georg, und das Kirchenvolk jubelte.

„Drachen sind das Böse und das Böse ist allgegenwärtig!”, verkündete Pfarrer Georg. „Gerade jetzt hat das Böse wieder Einzug in unser Dorf gehalten.”

„Au weia, au weia”, jammerten die Gemeindemitglieder lauthals und stachelten Pfarrer Georg damit noch weiter an.

„Wir müssen das Böse besiegen, so wie der heilige Georg den Drachen besiegt hat. Wir dürfen den Versprechungen des Bösen nicht nachgeben, dann wird uns Gott beistehen und das Böse vertreiben.”

„Jawoll, gibs ihm Schorschie”, rief die Menge begeistert.

„Ihr glaubt, Ihr seid gottesfürchtig?” Pfarrer Georg wies mit ausgestrecktem Finger und mit blitzenden Augen in die Gemeinde.

„Klar, was denn sonst, Schorschie”, antwortete die Menge ebenso engagiert.

„Und warum hat dann ein Gemeindemitglied, einer von Euch”, der Zeigefinger des Pfarrers begann zu zittern, „einer von Euch der Drachenwächterhexe, dem Bösen geholfen, und magische Pflanzen gesammelt?” Pfarrer Georg war kaum zu stoppen: „Ja, das Böse ist sogar schon unter Euch.”

Die Gemeinde tobte begeistert: „Buh, hängt sie auf, ans Kreuz mit ihnen.”

Natürlich hatten die Dorfbewohner überhaupt nicht die Absicht, jemanden zu lynchen, es war einfach ein tolles Spektakel. Insbesondere deshalb, weil jeder wusste, dass dies den Pfarrer noch mehr in Rage bringen würde. Wie gesagt, der Unterhaltungswert der Gottesdienste war enorm.

Aber Pfarrer Georg hatte das noch nie durchschaut und war ob dieser Gewaltbereitschaft seiner Gemeinde jedes Mal pikiert. Er musste besänftigen, schließlich wollte er ja nur das Böse aus dem Dorf vertreiben und nicht einen unberechenbaren Mob aufstacheln.

„Herr, hilf mir, gib mir Kraft”, schickte er ein Stoßgebet nach oben, „lass das Böse nicht auch noch diese Menschen ergreifen.”

„Ruhig Leute, ruhig”, beschwichtigte Pfarrer Georg das tobende Kirchenvolk. „Ich will Euch mal erzählen, wie man des Bösen Herr wird, kennt Ihr die Geschichte vom heiligen Georg?”

„Na endlich”, rief die Gemeinde wie aus einem Mund, „wurde ja auch Zeit”, und ein ganz Vorwitziger, rief respektlos: „Spucks endlich aus Schorschie.”

Für einen Moment war die Gemeinde ganz still, denn Pfarrer Georg brauchte ein wenig Zeit, um sich in Pose zu setzen, schließlich war er sich der Namensvetterschaft mit seinem heiligen Vorbild durchaus bewusst.

Die Gemeinde schmunzelte. Pfarrer Georg hatte so gar nichts von einem Heiligen und erst recht nichts von einem heiligen Ritter. Die Kutte spannte sich über seinen Bauch, der trotz der kurzen Pfarrersbeine deutlich über der Kanzel sichtbar wurde, das Doppelkinn wabbelte aufgeregt unter seinem runden Mondgesicht und mit seinen dicken, in die Seiten gestützten Ärmchen sah er eher aus wie ein lebendig gewordenes Eichenfass aus dem hervorragend sortierten Weinkeller des Klosters denn wie ein kampfgestählter Kreuzritter.

Pfarrer Georg aber lebte ganz in der Rolle des heiligen Georg auf, wenn er diese Geschichte – die natürlich seine Lieblingsgeschichte war – zum Besten gab.

„Ihr habt sicher schon von der kleinen Stadt Mont Blanc gehört, übrigens gar nicht so weit weg von hier”, begann Pfarrer Georg seine Geschichte und die Leute murmelten zustimmend. „Die Stadt führte einen blühenden Handel, aber es waren Heiden.” Pfarrer Georgs Stimme wurde wieder Laut. „Eines Tages erhob sich ein gewaltiger Drache aus den Tiefen des Flusses . . . „

Pfarrer Georg musste eine Kunstpause einlegen, denn die Gemeinde gab vergnügte Schreckenslaute von sich.

„Dieser Drache forderte von den Stadtbewohnern für jeden Monat eine schöne Jungfrau zum Fressen, sonst, so drohte er, würde er die Stadt, die Felder und das Vieh zerstören. Und was glaubt Ihr”, rief er in die Menge, „was glaubt Ihr, haben diese Heiden getan? Sagt es mir!”

„Sie haben ihm aufs Maul gehauen”, riefen die Bürger, „ja, sie haben ihn verprügelt.”

„Nein, oh Ihr blauäugigen Schäfchen“, brüllte Pfarrer Georg zum Vergnügen der Dorfbewohner, die die Geschichte schon längst kannten. „Nein, sie haben ihm die Jungfrauen ausgeliefert, es waren doch Heiden!”, fügte er fast beschwörend hinzu. „Würdet Ihr das tun?”, fragte Pfarrer Georg rethorisch, erhielt aber natürlich trotzdem eine Antwort.

„Nein! Wo sollen wir denn hier soviel Jungfrauen herkriegen”, grölte der Müller unter rauschendem Beifall.

„Vielleicht sollten wir Schorschies Haushälterin anbieten”, antwortete Bauer Fridolin, und die Gemeinde tobte vor Vergnügen. „Sie ist doch noch Jungfrau, nicht wahr Schorschie?”

Pfarrer Georg errötete: „Nein, Ihr dürft dem Bösen nicht nachgeben”, rief Pfarrer Georg verzweifelt, erntete aber nur einen weiteren Zuruf:

„An der Haushälterin würde sich der Drache bestimmt die Zähne ausbeißen.”

Während Pfarrer Georg immer mehr in Bedrängnis geriet, konnte die Haushälterin nur lächeln. Sie wusste, dass sie von den Dorfbewohnern durchaus geachtet und respektiert wurde und sie verstand gut, was sich hier abspielte. Im Grunde machte ihr die ganze Angelegenheit sogar selbst Spaß, ihr tat nur ihr armer Pfarrer leid, der in seinem teilweise völlig überflüssigen, missionarischen Eifer alles so furchtbar ernst nahm. Die Haushälterin beschloss – wie so oft – die Situation zu retten:

„He Leute, Ihr habt völlig recht, an mir würde sich der Drache die Zähne ausbeißen. Übrigens auch Du, lieber Müller und Du, Bauer Fridolin. Aber ich verstehe Euch schon, Ihr Maulhelden, Ihr würdet bestimmt Eure Frauen vorschicken, wenns brenzlig wird.” Damit hatte die Haushälterin die Lacher auf ihrer Seite und die vorlauten Gemeindemitglieder setzten sich verlegen wieder hin. „Aber mein Schorschie . . .“, die Haushälterin hielt kurz inne und errötete grinsend ein wenig, „. .. also unser Pfarrer Georg will doch auf etwas ganz anderes hinaus, hört doch mal zu.”

Die Gemeinde beruhigte sich wieder und wartete auf ihren nächsten Einsatz.

„Nun, die Heiden haben dem Drachen tatsächlich jeden Monat eine Jungfrau geopfert, bis nur noch die Tochter des Königs übrig war. Und diese Tochter des Königs”, Pfarrer Georg hob seinen Zeigefinger um deutlich zu machen, dass nun etwas ganz entscheidend Wichtiges kam, „diese Tochter des Königs war kurz zuvor zum Christentum bekehrt worden.”

Die Gemeinde atmete betont deutlich auf.

„Und was tat die Tochter des Königs?”, fragte Pfarrer Georg.

„Sie betete”, riefen die Dorfbewohner, „sie betete mindestens 70 Vaterunser.”

Pfarrer Georg war wie beabsichtigt irritiert.

„Ich weiß nicht was sie gebetet hat und wie viel”, gab er kleinlaut zu.

„Mindestens 70 Vaterunser, mindestens 70 Vaterunser, glaub uns Schorschie.” Die Stimmung war wiederhergestellt.

„Meinetwegen”, räumte Pfarrer Georg genervt ein und wollte die Geschichte nun möglichst schnell zu Ende bringen. „Also die Prinzessin hat ununterbrochen gebetet. Und als der nächste Tag nahte und das Ungeheuer erschien, galoppierte ein Ritter in silbern glänzender Rüstung und mit blutrotem Umhang herbei . . . . „ Pfarrer Georg konnte wieder einmal nicht weitersprechen.

„Georg, Georg, Georg”, skandierte die Menge und klatschte dazu. „Georg, hau ihm die Rübe ab!”

„Nein, nein, nein”, tobte der Pfarrer und stampfte mit seinen dicken Füßen auf. „Er hat ihm eben nicht die Rübe abgehauen!”

Aus der Menge kam ein enttäuschtes „OOOh”.

„Wann werdet Ihr es endlich begreifen, Ihr armseligen Heiden. Allein die Kraft des heiligen Kreuzes, der Glaube hat den Drachen bezwungen. Als -natürlich war es der heilige Georg- als Georg also das Kreuz über dem Drachen geschlagen hatte, verwandelte sich das Ungeheuer in einen Rosenbusch.” Und nach einer erschöpften Kunstpause fragte er hoffnungsvoll: „Und meine lieben Schäfchen, was lernen wir daraus?”

„Traue keinem Rosenbusch, es könnte ein Drache sein”, antwortete der vorwitzige Müller unter Gelächter.

Für die Dorfbewohner war der Gottesdienst wieder einmal ein voller Erfolg gewesen, Pfarrer Georg hatte jedoch seine Zweifel.

„Meinst Du, dass die Leute verstanden haben, was ich ihnen sagen wollte?”, fragte er seine Haushälterin, als sie spät in der Nacht bei einem Glas Wein im Pfarrhaus zusammensaßen.

„Aber sicher doch, mein Kreuzritterlein”, antwortete die Haushälterin und streichelte den dicken Pfarrer liebevoll über seine Glatze.”