Eine Frage der Authentizität

Wenn Fachausdrücke Geschichte(n) lebendig werden lassen

Gerade habe ich wieder ein paar Zeilen des dritten Bandes der Rotbartsaga geschrieben. War recht kraftraubend, schließlich geht es um eine veritable Seeschlacht zwischen der Zoeker und einem Freibeuter. Einen Ausschnitt daraus erlaube ich mir hier einmal vorzustellen:

„Mit fast achterlichem Wind und der auflaufenden Tideströmung näherte sich der Freibeuter der Zoeker. Rotbart und seine Kumpels konnten schon das Johlen der Entermannschaft hören und durch sein Glas blickte Carl in die siegessicheren Gesichter der Kaperer, die sich fette Beute von der mühsam gegen den Wind kreuzenden Fleute versprachen. Der Pulverqualm der vom Vorschiff des Freibeuters wehte, zeigte den zweiten Warnschuss an. Das Krachen der Kanone und der Einschlag der Kugel in den Bug der Zoeker gingen ineinander über.
Carl dachte gar nicht daran, beizudrehen. Schon konnten seine hinter dem Schanzkleid wartenden Mannschaften und Soldaten ihre zahlenmäßig weit überlegenen Gegner mit bloßem Auge erkennen. Als der Freibeuter schließlich die Stückpforten öffnete und eine beachtliche Reihe Kanonen der Zoeker drohend ihre Mäuler entgegenstreckte, gaben Zwardbaard und Carlszoon die entscheidenden Befehle: „Backbordgeschütze ausrennen … Abfallen … Feuer … hart Steuerbord …“
Alles was das vermeintlich leichte Opfer tat, traf den Freibeuter unerwartet. Noch bevor er die Zoeker erreicht hatte, um ihr Bord an Bord seine Breitseite in die Decks zu jagen und die Enterhaken zu werfen, um mit der Überlegenheit der Masse jeden Widerstand des Gegners im Keim zu ersticken, hatte sich die Situation durch das Abfallen der Fleute und das vorherige Anluven des Piraten geändert. Die Breitseite des Freibeuters verpuffte ins Leere, während die kleinen Kanonen der Zoeker einigen Schaden in der Takelage des Gegners anrichteten.
„Steuerbordgeschütze ausrennen … Ruder mittschiffs, Feuer!“
Die zweite Salve der Zoeker traf den Freibeuter mindestens ebenso unerwartet, wie die erste. Inzwischen nämlich segelte die Fleute nach ihrer Wende dicht an der Steuerbordseite des gegenläufigen Piraten vorbei. Dessen Stückpforten waren noch nicht einmal geöffnet. Nicht nur die Kanonen, sondern auch die Drehbassen auf der Reling richteten ein Massaker unter der gegnerischen Entermannschaft an.
Als Carl eine Backbordwende einleitete, um gegebenenfalls noch einmal seine Steuerbordbatterie zum Tragen zu bringen, krachte die imposante Breitseite der Stormvogel in das nahezu manövrierunfähige Piratenschiff. Pieterszoon hatte sofort nach dem ersten Warnschuss reagiert und war der Zoeker zu Hilfe geeilt. Mit dem Tidenstrom und dem Südwest im Rücken reichte die gute halbe Stunde, die die kleine Schlacht gedauert hatte für die Stormvogel aus, um in das Geschehen einzugreifen.“

Nun weiß ich, dass einige Leser bei Texten dieser Art über die vielen maritimen Fachausdrücke stolpern und sich dabei ein wenig unwohl fühlen, weil sie das eine oder andere nicht verstehen. Die Begriffe im Einzelnen zu verstehen, ist bei genauerem Hinsehen aber gar nicht nötig. Es geht um das Bild, das beim Lesen vor dem geistigen Auge entsteht, das Bild von Wellen, Wind, Wolken riskanten Segelmanövern, den Geruch von Pulverdampf etc.. Ohne die teils unverstandenen Fachausdrücke könnte dieses Bild nicht entstehen.

Allein der Begriff „Anluven“ vermittelt die Vorstellung hin und her eilender Mannschaften, Kursänderung und Veränderung der Segelstellung. Dabei ist es vollkommen unerheblich, dass Anluven bedeutet, das Schiff ein wenig in die Richtung zu steuern, aus der der Wind kommt. Die Vorstellung einer Kursänderung und der damit verbundenen Aktivitäten ist das Entscheidende. Und das gilt für viele dieser „Fachbegriffe“. Wie würde es sich lesen, wenn ich schriebe, „das Schiff fuhr nach links und neigte sich dabei nach rechts“. Abgesehen davon, dass das in dieser Form niemanden vom Hocker reißt, wie schön, eingängig, bildmalerisch und eben authentisch ist da doch die Formulierung „die Zoeker ging auf Steuerbordbug“. Viele der maritimen Ausdrücke sind ohnehin sehr bildhaft. Und so macht das Lesen erst dann wirklich richtig Spaß, wenn der Leser diese Begriffe einfach auf sich einwirken lässt, ohne zu versuchen, diese im Einzelnen zu vertstehen.

Ob die Vorstellungen, die sich beim einzelnen Leser bei bestimmten Begriffen einstellen, mit der tatsächlichen Bedeutung zu 100% übereinstimmen, spielt dabei gar keine große Rolle. Ohne diese eben auch bildmalerischen Begriffe, wären maritime Geschichten schlichtweg langweilig. Der Leser muss sich allerdings darauf einlassen. Deshalb empfehle ich auch, nicht bei jedem unverstandenen Begriff im Glossar nachzuschlagen. Das kann man hinterher oder vorher tun, während des Lesens befindet man sich aber nun einmal auf See und muss, wie die Mannschaften und natürlich die samtpfotigen Helden, mit den Gegebenheiten klarkommen.

Ach ja, und ihr liebe Leser könnt darauf vertrauen, dass sich die zwei- und vierbeinigen Mannschaften der Rotbartsaga mit der Bedeutung der maritimen Begriffe auskennen und daher das jeweils angemessene tun :-). Natürlich könnt ihr gerne mal an Brassen und Fallen mit Hand anlegen, die Entscheidungen fällt – wie auf Schiffen üblich – jedoch der Kapitän 🙂

Übrigens, die Samtpfotencrew der Zoeker hat mitten im englischen Kanal gerade Zuwachs bekommen (das orgiginale Vorbild übrigens ein leider inzwischen verstorbener kleiner Kerl, den wir persönlich kennenlernen durften): „Der kleine rote Kater mit den langen weißen Socken und dem weißen Latz konnte kaum älter als ein halbes Jahr sein. Und ganz offensichtlich war er irgendwie besonders mit seiner immer leicht heraushängenden Zunge, seiner Schüchternheit und der Tatsache, dass er nicht dazu zu bewegen war, das Schiff über das Achterdeck hinaus zu erforschen. Die Katzencrew hatte den umgänglichen Kleinen schnell adoptiert und Flori die Waise getauft. Obwohl sich also alle, einschließlich Carl Carlszoon fürsorglich um ihn kümmerten, das traumatische Ereignis und der Verlust seiner Mama hatten wohl unauslöschliche Spuren bei ihm hinterlassen.“

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