Corona – ein Perspektivwechsel

Bislang haber ich mich weitgehend aus den Diskussionen zum Thema herausgehalten. Ich bin so ein Typ, der erst mal beobachtet, dann nachdenkt, und schließlich Position bezieht. Zugegeben, der Prozess geht mal schneller, mal langsamer, diesmal hat es eben etwas gedauert. Vielleicht auch deshalb, weil ich nicht die hunderttausendste Bemerkung zu Klopapier und Nudeln zum Besten geben wollte. Aber natürlich betrifft die ganze Geschichte auch mich, nicht zuletzt deshalb, weil ich gerade dabei war, mich ein wenig mit meinen Lesungen im Markt zu etablieren. Damit ist jetzt erst mal natürlich Schluss. Denn nun gilt:

– Meiden von Veranstaltungen
– Verzicht auf Urlaubsreisen
– Verzicht auf Restaurantbesuche
– nur das Nötigste einkaufen
– Soziale Isolation

Diese „Maßnahmen“ gegen Corona bedeuten gravierende Einschränkungen für die Bevölkerung, keine Frage. Und selbstverständlich haben diese Maßnahmen Folgen und Verunsicherung für jeden Einzelnen. Existenzielle Fragen tun sich auf, vor allem für jene Menschen, die keine Rücklagen haben und bei denen die Einschränkungen auch nicht zu Einsparungen (und damit Rücklagen für späteren Konsum) führen, weil für sie die oben beschriebenen „Maßnahmen“ auch ohne Corona weitgehend zum Lebensaltag gehören (z.B. bei Grundsicherung im Alter, prekärer Beschäftigung, Obdachlosigkeit etc.).

Hoffnung für die Nach-Corona-Zeit?

Für viele andere Menschen bedeutet die Corona-Situation vor allem Lebensumstellung, Überdenken der eigenen Situation und Prioritäten, Neustrukturierung des Alltags und des Lebens vor allem dann, wenn Einkommensverluste durch Rücklagen oder staatliche Hilfen abgefedert und Alternativen zur bisherigen Arbeits- und Lebensorganisation entwickelt werden können. In diesen Fällen könnte der erzwungene Perspektivwechsel gewisse persönliche und im besten Fall auch gesellschaftliche Veränderungen in der Nach-Corona-Zeit nach sich ziehen.

Mentalitätsänderung braucht Zeit

Könnte, denn noch ist nicht wirklich viel davon zu erkennen. Mal abgesehen von den asozialen Hamsterkäufen, füllen derzeit das Beklagen der jeweils persönlichen Umstände oder Verschwörungstheorien oder sinn- und endlose Diskussionen über Einzelheiten der offizielen Maßnahmen die sozialen Medien bis zum Erbrechen. Klar, da gibt es auch Solidaritätsappelle für Alte und Kranke, für den kleinen Einzelhandel und die Mitarbeiter der Geschäfte, die für die notwendige Versorgung geöffnet sind, die Mitarbeiter im Gesundheitswesen, für Feuerwehr, Polizei und soziale Dienste. Und es entwickelt sich so langsam die Einsicht, dass das Internet eben mehr ist, als lediglich eine Spielwiese für junge Leute, gelangweillte Bestager, Nerds und gewissenlose Online-Giganten, die dem armen Einzelhandel das Geschäft versauen.

Über den Tellerand hinaus

Vielleicht kommt ja sogar der eine oder andere darauf, während er im Home-Office seiner Erwerbsarbeit nachgeht, dass es Menschen gibt, deren Existenz von Online-Einkäufen abhängt, wie beispielsweise viele Kulturschaffende, deren Werke – unabhängig von ihrer Qualität – eben keine Chance haben, im stationären Handel präsent zu sein. Vielleicht fällt ja in heimischer Quarantäne mal auf, dass unsere Gesellschaft glücklicherweise längst nicht mehr homogen ist und dass es unzählige Lebensrealitäten gibt, die sich nicht nur von der eigenen unterscheiden, sondern sich ebenfalls nicht mehr in unserer wirtschaftlichen und politischen Organisation widerspiegeln. Vielleicht wird durch die Gelegenheit, auch mal ein wenig nachdenken zu können, dem einen oder anderen deutlich, dass die soziale Grundlage unserer Gesellschaft nicht mehr das neoliberale Wirtschaftssystem sein kann, das ausschließlich auf abhängiger Beschäftigung, Konsum- und Profitmaximierung basiert.

Von privaten zu gesellschaftlichen Alternativen

Viele der für verschiedene (nicht nur arme) Gruppen der Bevölkerung existenzielle Fragen, würden sich selbst unter Corona-Bedingungen beispielsweise bei der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens für alle gar nicht mehr stellen. Sowohl (je)der Einzelne als auch der Staat hätten gerade in dieser Situation unendlich viel mehr Handlungsspielraum und damit auch Einsicht in die Notwendigkeiten. Natürlich ist das bedingungelose Grundeinkommen kein Allheilmittel für alle Probleme, aber es ist eine unabdingbare Voraussetzung für den notwendigen ökonomischen und sozialen Umbau unserer Gesellschaft, für die soldarische Krisenbewältigung und die gleichzeitige Sicherung und den Ausbau der Demokratie durch die gesellschaftliche Teilhabemöglichkeit aller Menschen.

Schluss mit dem System der profitablen Krisen

Derzeit werden zweifellos unzählige Schwächen unserer gegenwärtigen Wirtschaftsverfassung offenbar. Das beginnt bei profit- statt bedarfsorientiertem Gesundheitswesen über die profit- statt bedarfsorientierte Wohnungwirtschaft bis hin zur profit- statt bedarfsorientierten Energie (und Internet-)versorgung mit all seinen Umweltfolgen.
Ja, der Coronavirus ist gefährlich, sehr gefährlich sogar! Existenziell wesentlich gefährlicher aber – das offenbart eben dieses winzige Lebewesen – ist das Festhalten am mörderischen und selbstmörderischen Wirtschaftssystem, denn das hat wenn vielleicht auch nicht die Pandemie, so doch in jedem Fall die daraus erwachsende Krise erst möglich gemacht. Genau betrachtet war und ist unsere aktuelle Wirtschaftsverfassung immer ein System der Krise, denn auch bei Corona wird es ebenso wie bei den unzähligen Kriegen und Hungersnöten wieder Gewinner der Not geben. Die meisten, die das hier lesen gehören allerdings nicht dazu.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein

2 Antworten zu “Corona – ein Perspektivwechsel

  1. Sonja Zühlke

    Der Beitrag hat mir sehr gefallen und spiegelt an vielen Stellen auch meine persönliche Meinung wieder. Vielen Dank dafür.

    Gefällt mir

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